Abschied vom Ehrenmitglied Igor Ziernfeld
Veröffentlicht 02. November 2023
Igor Ziernfeld (1. 1. 1934 – 1. 11. 2023)
Mit großer Trauer geben wir bekannt, dass uns im 90. Lebensjahr unser geschätzter Kollege und Ehrenmitglied des Slovenski oktet, der Tenor Igor Ziernfeld, für immer verlassen hat.
Im Namen der Generationen des Slovenski oktet danken wir unserem geschätzten Freund und Sangeskollegen für seine hingebungsvolle und treue Freundschaft in den Reihen dieses Ensembles; seiner Familie sprechen wir unser aufrichtiges Beileid aus.
Er ruhe in Frieden!
Slovenski oktet
Ljubljana, 2. November 2023

Auszug aus dem Buch von B. Pangerc: Slovenski oktet, Ljubljana, 2007
Igor Ziernfeld wurde am 1. Januar 1934 in Ljubljana geboren und lebt heute in Rodica bei Domžale. Im Slovenski oktet sang er von 1978 bis 1996 den ersten Tenor. Er erwarb eine technische Ausbildung und wurde nach dem Abschluss der Mittelschule Leiter der technischen Dienste. Am längsten war er bei Maksimarket als Leiter der Instandhaltung beschäftigt.
Die Liebe zum Gesang erwachte in ihm bereits in frühen Lebensjahren: Er sang schon im Franziskaner-Kinderchor in Ljubljana, danach ab 1952 im Akademischen Chor „Tone Tomšič“, 1955 im Chor der Slowenischen Philharmonie, dann im Kammerchor des Rundfunks und von 1978 bis 1996 im Slovenski oktet.
Seine Stimme bildete Igor Ziernfeld bei Prof. Jasna Špiler aus, bei der er sechs Jahre lang Sologesang studierte; zum Oktett führte ihn Danilo Čadež.
Mit der Zugehörigkeit zum Slovenski oktet erreichte seine sängerische Laufbahn ihren Höhepunkt; wie alle anderen Mitglieder sang auch er mit Seele und Herz, und gerade diese außerordentliche Freude an der Musik war die gesündeste Grundlage für qualitätsvolles Wachstum. Bei den Proben, vor allem aber auf der Bühne, versuchte er stets, sein Bestes zu geben. Ziernfeld sang sehr gern die orthodoxe Liturgie; ihre Erhabenheit zog ihn nämlich an. Auch Bearbeitungen von Volksliedern lagen ihm. Die moderne Chorliteratur, besonders die nach 1970 entstandene, lag ihm nicht so sehr am Herzen, obwohl er sich auch diesen Werken mit vollem Ernst und voller Aufmerksamkeit widmete, denn das Slovenski oktet musste als Spitzenensemble auch zu zeitgenössischen Komponisten greifen.
Am Slovenski oktet gefielen ihm die Herangehensweise an die Arbeit und an die Auftritte. Das Oktett gab auf der Bühne stets sein Bestes, man sang immer mit höchstem Einsatz und Verantwortungsbewusstsein. Konzerte wurden auch nie abgesagt, nicht einmal wegen Krankheit. Wenn einer der Sänger seine Stimme verloren hatte, stand er lieber als Statist auf der Bühne, als zu fehlen.
In fast zwei Jahrzehnten des Singens im Slovenski oktet sammelten sich bei Igor Ziernfeld so viele Erinnerungen und Erlebnisse an, dass er in Gedanken kaum mit ihnen Schritt halten kann. Im Gespräch fielen sie wie reife Birnen, und so werden wir sie auch wiedergeben, wie sie aufkamen:
„Ach, einmal – als wir in Krakau in Polen sangen – erzählte Igor –, überfiel mich beim Gang auf die Bühne (das erste Stück war Ascendit Deus von Gallus) ein völliger Blackout. Plötzlich hatte mich das Gedächtnis verlassen! Und da ich als Erster einsetze, war ich so erschrocken wie selten. Erst als Danilo den Ton angab, öffnete sich alles wieder, und mir fiel ein Stein vom Herzen …
Marjan Štefančič wurde am Flughafen in Oslo der Koffer gestohlen. Wir erstatteten Anzeige bei der Polizei, und die Polizei machte sich sofort auf die Jagd, fand mitten in der Stadt den Koffer und nahm den Dieb fest. Als wir dann zur Polizeistation gingen, um den Koffer abzuholen, sahen wir auch die beiden Übeltäter reumütig auf einer Bank im Büro sitzen und den Kopf schütteln, weil sie nicht glauben konnten, dass man sie nach einem so „sorgfältig“ ausgeführten Diebstahl so schnell gefasst hatte.
Starke Eindrücke nahm ich aus Angola mit, wo wegen des Todes des Präsidenten alle Konzerte ausfielen; auf Wunsch von Netos Witwe sangen wir aber an der Totenbahre und bei der Beerdigung.
Den Besuch in Brasilien ermöglichten uns zwei Unternehmer aus Gorenjska, die Brüder Hlebanja, die in São Paulo außerordentlich erfolgreich waren.
China ist eine Welt für sich. In Peking war die gesamte politische Führung beim Konzert. Anstelle von Jože Banič, der mit dem Orchester der Slowenischen Philharmonie beschäftigt war, sprang Stane Mancini für die Tournee ein. Wir beide erkälteten uns wenige Tage vor dem Konzert, und unsere Gastgeber brachten uns zu einem chinesischen Arzt. Mancini hatte völlig die Stimme verloren.
Mir gab der Arzt sechs Sorten Tabletten. Mancini hingegen stach er die Nadel direkt in die Stimmbänder und spritzte ihm eine Injektion. Am Abend sang er. Und wie er sang! Er zwitscherte.
Auf dem Rückflug von China erlebten wir im Flugzeug wegen der Zeitverschiebung zweimal das neue Jahr. Und zweimal feierten wir, und zweimal wurde uns Champagner serviert.
Durch die USA fuhren wir mit unserem eigenen Bus – und wir hatten einen Fahrer, der absolut alles organisierte, vom Essen bis zur Unterkunft. Und abends bei den Konzerten verkaufte er auch noch unsere Kassetten!
Zu unseren Konzerten in den USA kamen viele Slowenen. In Montana kam eine Slowenin aus 800 km Entfernung zum Konzert und brachte uns eine Potica mit.
Oder die Freundlichkeit und Ehrlichkeit der Nordländer. In Norwegen verlor ich eine Geldbörse mit einer beträchtlichen Summe Geld, und unglücklicherweise befand sich kein einziges meiner Dokumente darin, nur ein Rezept eines dortigen Arztes. Anhand des Rezepts spürte mich der Finder auf und gab mir nach zwei Tagen die Geldbörse mit ihrem gesamten Inhalt zurück. Aus denselben ehrlichen Beweggründen bekam Tomaž Tozon seine Kamera zurück und Marjan Štefančič – nach einem Jahr – seine Schuhe. Unglaublich! Übrigens lassen die kleinen Siedlungen in Norwegen stets alles offen; ihre Häuser schließen sie gar nicht ab.“
In seinem persönlichen Archiv besitzt Igor Ziernfeld mehr als 1400 Fotografien von den Tourneen des Slovenski oktet rund um die Welt. Von der USA-Tournee im Jahr 1989 besitzt er zudem ein umfangreiches Tagebuch, das er laufend in Form von (nie abgeschickten) Briefen schrieb und das ein wichtiges Zeugnis seiner Eindrücke und Erlebnisse in diesem großen Land der Verheißung bildet, das im Osten und Westen dicht besiedelt ist, „in der Mitte aber sieht man auch auf 400 km kein einziges Haus“.
(Ljubljana, 6. Dezember 2005)
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