Abschied vom künstlerischen Ehrenleiter Dr. Mirko Cuderman

Veröffentlicht 27. Februar 2025

Dr. Mirko Cuderman, slowenischer Dirigent, Chorleiter, Musikwissenschaftler und Priester

* 18. Juli 1930 + 27. Februar 2025

Mit Trauer geben wir bekannt, dass unser musikalischer Vater und Ehrenmitglied des Slovenski oktet, Dr. Mirko Cuderman, zu seinem Schöpfer heimgegangen ist. Dr. Cuderman arbeitete als künstlerischer Leiter in den Jahren 2000 – 2008 mit dem Slovenski oktet zusammen. In seiner langjährigen musikalischen Laufbahn setzte er hohe musikalische Maßstäbe und brachte die Musik der Weltmeister nach Ljubljana. Für seinen außerordentlichen Beitrag zur Arbeit des Slovenski oktet ernannte ihn das Ensemble 2010 zum Ehrenmitglied.

Nach dem Abschluss der Theologischen Fakultät in Ljubljana studierte er an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst sowie an der Philosophischen Fakultät, wo er 1960 auch promovierte. Nach seiner Rückkehr nach Ljubljana war er bis 1970 Regens chori der Kathedrale von Ljubljana. Damals stellte ihn die Slowenische Philharmonie als Archivleiter ein. 1968 gründete er das Consortium musicum, das sich als hochklassiger Amateurchor mehr als drei Jahrzehnte der Aufführung von vokal-instrumentaler und A-cappella-Musik widmete. In den Achtzigerjahren übernahm er die Stelle des Dirigenten des Kammerchors von RTV Slovenija. In dieser Zeit wurde er auch Dozent für Chorliteratur, Aufführungspraxis und Dirigieren an der Musikakademie in Ljubljana. Auf seine Initiative und unter der Schirmherrschaft des Kulturministeriums der Republik Slowenien wurde 1991 der Slowenische Kammerchor (heute Chor der Slowenischen Philharmonie) gegründet, dessen künstlerischer Direktor und Chorleiter er von der Gründung bis zu seiner Pensionierung 2009 war. In den Jahren von 2000 bis 2008 war er künstlerischer Leiter des Slovenski oktet.
Für sein Wirken erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen: den Župančič-Preis (1993), das Ehrenzeichen der Freiheit der Republik Slowenien (2001), den Verdienstorden (2007), die Gallus-Plakette, die Goldene Plakette des JSKD (2011); außerdem wurde er der erste Ehrenbürger von Preddvor (2012). 2011 drehte RTV Slovenija über ihn den Dokumentarfilm Regens Chori, ein Porträt von Mirko Cuderman, zu seinem 80. Geburtstag; 2022 erhielt er den Prešeren-Preis.

Mirko Cuderman BW

Auszug aus dem Buch von B. Pangerc: Slovenski oktet, Ljubljana, 2007

MIRKO CUDERMAN

Künstlerischer Leiter des Slovenski oktet seit 2000

Dr. Mirko Cuderman schloss sein Studium an der Theologischen Fakultät in Ljubljana ab und promovierte 1960 in Wien an der Universität in Musikwissenschaft. Bis 1970 war er an der Kathedrale von Ljubljana Regens chori, woraufhin er bei der Slowenischen Philharmonie als Archivleiter angestellt wurde. 1968 gründete er den Chor „Consortium musicum“, der sich als hochklassiger Amateurchor seit mehr als drei Jahrzehnten der Aufführung von vokal-instrumentaler und reiner Chormusik widmet. In den Achtzigerjahren übernahm Dr. Cuderman die Stelle des Dirigenten des „Kammerchors von RTV Slovenija“. In dieser Zeit lehrte er an der Musikakademie Chorliteratur, Aufführungspraxis und Dirigieren und trug wesentlich zur Gründung der „Abteilung für Kirchenmusik“ bei. Auf seine Initiative und unter der Schirmherrschaft des Kulturministeriums wurde 1991 der einzige slowenische Berufschor, der „Slowenische Kammerchor“, gegründet, dessen künstlerischer Direktor und Chorleiter er bis heute ist.
Dr. Mirko Cuderman erhielt im In- und Ausland mehrere Anerkennungen und Auszeichnungen, 2002 wurde ihm das Ehrenzeichen der Republik Slowenien verliehen.
Seit 2000 ist er künstlerischer Leiter des Slovenski oktet.

Wie sehen Sie die Rolle und Bedeutung des Slovenski oktet heute?

Genauso wie damals, als es gegründet wurde. Die Hauptaufgabe des Slovenski oktet ist es, das slowenische Lied zu pflegen. Das Oktett hat sich in seinem Wesen nicht verändert. Die letzte Besetzung – wir sprechen von jener, die 1996 das Ende der Tätigkeit des Slovenski oktet ankündigte – hatte sich gewissermaßen damit abgefunden, dass sie die letzte sein würde, da es nahezu unmöglich schien, alle acht Sänger auf einmal zu ersetzen. Und in diesem Stil traten sie auch im Inland in Slowenien, in den Grenzgebieten und auch in den USA auf und präsentierten sich, als wären dies die letzten Auftritte des letzten Slovenski oktet. Doch die Besetzungen im Oktett wechselten immer wieder. Auch mir erschien es schade und unnötig, dass man aufhören sollte. Nun, so entstand das neue Slovenski oktet, das aber nicht neu war, sondern nur die Fortsetzung des vorherigen. Auch klanglich strebte das Oktett – das ich übernommen habe – danach, dem vorherigen ähnlich zu sein. So ausgeprägte und kraftvolle Stimmen waren jedoch nicht gerade ihr Merkmal, daher sah ich in einer solchen Gesangsweise keinen Sinn. Ich habe sie ständig „zurückgezogen“, bis wir zu einem kammermusikalischen Klang „gelangt“ sind, der gerade durch seine Weichheit und Rundheit den Zuhörer anspricht.
In schönster Erinnerung habe ich noch die Auftritte und Konzerte der allerersten Besetzung des Slovenski oktet. Solche Sänger gab es danach nicht mehr. Sie hatten eine eigenständige Art der Interpretation, sie sangen langsamer, im Klang lebten sie sich geradezu aus.

Wissen Sie, mit den Petrovčičs waren wir befreundet. Roman und Tone sangen in Trnovo; ich leitete damals den Kirchenchor von Trnovo, und schon damals sangen sie unter meiner Leitung.

Einst schrieben slowenische Komponisten viel für das Oktett. Es war ihnen eine Ehre und dem Oktett ein Prestige. Haben die heutigen slowenischen Komponisten diesen Ehrgeiz noch? Kommen auf Ihren Tisch Werke, die dem Slovenski oktet gewidmet sind, mit dem Wunsch, dass es sie aufführe?

Kaum. Der Sinn des Schaffens zeitgenössischer slowenischer Komponisten liegt heute darin, Werke für größere Instrumentalbesetzungen zu komponieren. Die Vokalmusik interessiert sie kaum mehr. Wenn sie doch etwas für Chor schreiben, ist es schwer aufzuführen, weil es zu kompliziert ist. Die heutigen Komponisten neigen mehr zur Instrumentalmusik, weil sie ihnen größere Ausdrucksmöglichkeiten bietet und sie sich im modernen Schaffen besser zurechtfinden. Sie können mehr produzieren, weil ihnen der Text kein Hindernis ist. Überhaupt ist für zeitgenössische Komponisten der Text heute nicht mehr wichtig. Deshalb ist auch die Vokalmusik auf das Abstellgleis geschoben. Kaum ein Komponist schreibt noch für Chor; unter ihnen haben Ambrož Čopi, Aldo Kumar und Andrej Misson noch ein Gespür für Vokalmusik. Auch Lojze Lebič schreibt für Chor, ist aber äußerst anspruchsvoll in der Aufführung.
Ich selbst erinnere mich oft daran, was Matija Tomc eifrig vertrat: „Wir müssen danach streben, slowenische Musik zu schaffen, damit die Stimme für die slowenische Musik charakteristisch wird!“
Heute aber wird das Slowenische in den Hintergrund gedrängt. Die Komponisten lehnen die Bezeichnung „slowenischer Komponist“ ab, als würde sie sie in ihrer schöpferischen Freiheit einschränken.

Welche Elemente kennzeichnen das heutige Slovenski oktet, sodass es unter so vielen anderen Oktetten und Spitzenchören erkennbar wird?

Stimmlich sind sie besser, nach der Qualität der Stimmen sind sie die besten; auch musikalisch sind sie überdurchschnittlich. Sie haben selbst schon so viel Erfahrung, dass ich ihnen nicht viel beibringen muss. Diese Sänger haben bereits ihren eigenen Stil und sind manchmal vielleicht nicht meiner Meinung, aber wir sprechen darüber, und sie passen sich an. Manchmal drehen sie auch etwas nach ihrer Art, was aber selbstverständlich nicht im Widerspruch zur grundlegenden Interpretation des Werkes steht.
Ich denke auch, dass diese Besetzung die technisch beste ist, die es bisher gab; intonationsmäßig stimmt das ganz sicher. Das Wesentliche ist natürlich, dass sie in die Musik, die sie aufführen, Herz und Seele legen. Das erste Oktett war in diesem Sinne unnachahmlich; es bestand aus Sängern, die schon als Jungen gesungen hatten, die unaufhörlich und ständig in der Familie, in der Kirche, in der Gesellschaft, bei der Probe und nach der Probe gesungen hatten. Vor allem aber sangen sie schon dreißig Jahre zuvor in kleineren Besetzungen. Das waren Sänger durch und durch! Heute gibt es das nicht mehr, es gibt keine Sänger mehr, die – wie einst – vier- oder fünfstimmig singen könnten. Das Meiste, was die heutigen Sänger im Ensemble oder in Gesellschaft schaffen, ist Gesang in Terzen mit einem Bass dazu.
Wir, unsere Generation, kannten dagegen Volks- und Kirchenlieder noch und noch – ich spielte Orgel, bevor ich Noten kannte, ich suchte mir Tasten und Pedale nach Gehör zusammen, erst dann kam die Theorie an die Reihe.

Wie gehen Sie bei der Auswahl des Programms vor?

Bei der Auswahl des Programms gehen wir gemeinschaftlich vor. Zum Beispiel – zum fünfzigjährigen Bestehen des Slovenski oktet im Jahr 2001, das ein außerordentlich wichtiger Meilenstein war – einigten wir uns auf ein rein slowenisches Programm und wählten zehn Kunstlieder und zehn Volkslieder. Das erste Interesse – das heißt die größte Aufmerksamkeit – gilt dem slowenischen Lied; das muss das Slovenski oktet singen. Im Übrigen muss das Programm einheitlich sein, nicht planlos zusammengewürfelt. Natürlich hängt die Zusammenstellung des Programms auch vom Anlass ab, wo und für wen man singt. Je nachdem, wo wir singen, versuchen wir das Repertoire mit einem Lied aus dem Ort, in dem wir gastieren, zu bereichern, wie es das Slovenski oktet immer getan hat.
Wir streben natürlich auch nach Neuheiten oder stellen das Programm nach Komponisten zusammen. Derzeit haben wir uns entschieden, das Programm mit einem sogenannten Seitensprung aufzulockern. Wir haben ein Programm mit Liedern einstudiert, die das berühmte deutsche Sextett „Comedian Harmonists“ in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts sang. Das war eine sehr bekannte Gruppe, die sehr interessante, unterhaltsame und qualitätsvolle Stücke sang; leider waren die Sänger Juden und wurden von Hitler verfolgt. Die meisten von ihnen endeten in den Krematoriumsöfen von Auschwitz. Ihre Lieder wird das Slovenski oktet in der Übersetzung singen, die Jože Humer besorgt hat, denn das Gewicht liegt auf dem Text, und wenn der Text für den Zuhörer verständlich ist, ist die Aussagekraft umso größer und reicht tiefer.

Was pflegen Sie bei der Interpretation am meisten? Was ist Ihnen am wichtigsten, dass das Slovenski oktet dem Zuhörer vermittelt?

Die Hauptsache ist, dass der Gesang technisch vollendet ist und dass der Aussagewert des Textes den Zuhörer erreicht. Das versuche ich durch Üben zu erreichen; manchmal kommt es vor, dass ein Problem besonders schwierig ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Slovenski oktet seiner Natur nach ein Amateurensemble ist; die Burschen kommen aus ganz Slowenien zur Probe nach Ljubljana; sie kommen nach der Arbeitszeit, die sie jeder an seinem Arbeitsplatz absolviert haben, nicht selten sind sie müde; all das ist sehr anstrengend. Und Proben sind auch kein Spiel, sie sind anspruchsvoll und mühevoll. In der Probe frischen wir die Lieder für das nächste Konzert auf; was noch nicht fließt, wiederholen wir so lange, bis es fließt, wir stellen das Programm für die Zukunft zusammen und bereiten natürlich auch neue Programme vor.
Ständig aber arbeiten wir weiter am Klang. Wir suchen den gemeinsamen Klang, der langsam kommt, von selbst, ohne das geringste Forcieren. Der Klang muss von selbst fließen, in einer langen Linie, dann muss noch die Phrase musikalisch ausgearbeitet werden. Mit der Zeit gewöhnen sich die Sänger so aneinander, dass dies recht schnell „geschieht“.
Bei einem solchen Ensemble steht die Stimme des Einzelnen an erster Stelle. Noten kann man lernen. Wenn man aber keine Stimme hat, kann sie einem niemand schaffen.

Wie erklären Sie sich das Phänomen des Slovenski oktet? Seit es am slowenischen Gesangshimmel erschienen ist, füllt es die Säle und begeistert das Publikum, im In- und Ausland. Auch Generationswechsel haben seinen Mythos nicht geschmälert.

Das Phänomen des Slovenski oktet besteht darin, dass sich jenes burschenhafte Singen in idealster Form und idealstem Inhalt reproduziert.
Das Slovenski oktet hat aber auch eine negative Bedeutung; nach dem Vorbild des Slovenski oktet entstanden Hunderte von Oktetten, wodurch die Männerchöre erloschen. Acht bessere Sänger wollten ein Oktett gründen und entfernten sich vom Chor.
Das Slovenski oktet füllt noch immer die Säle, weil es über eine außergewöhnliche stimmliche und musikalische Qualität verfügt. Aber auch über eine edle menschliche Eigenschaft – die Sänger des Slovenski oktet sind bescheidene Burschen, die vor allem gern singen. Sie sind auch als Menschen, als Einzelne beliebt. Mit ihrem Gesang strahlen sie eine besondere Kultur aus. Ihr Gesang ist echt und erlebt. Sie selbst erleben ihren Gesang tief, sie singen nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich. Das Oktett gibt auch viele Benefizkonzerte.
Beim Slovenski oktet kann man von einem Mythos sprechen. Dieser wird sich halten, wenn die Burschen fleißig und gewissenhaft arbeiten und wenn, falls eine Stimme nachlässt, diese ohne Verzögerung ersetzt wird. Diese Sänger sind so reif, dass sie rechtzeitig für einen Nachfolger sorgen werden.
Der Geschmack der Zuhörer hat sich geschärft. Dazu hat das Hören von Chören im Radio und Fernsehen beigetragen, ebenso das Hören von Schallplatten und in letzter Zeit auch von CDs. Zur Schärfung des Gesangsgeschmacks hat aber auch das Slovenski oktet beigetragen.

Heutzutage muss der Gesang technisch einwandfrei sein; auch im Weltmaßstab ist das so. Im Übrigen – trotz allem, was ich gesagt habe – bin ich der Meinung, dass die Chormusik heute etwas vernachlässigt wird, auch bei den Zuhörern. Die Leute gehen lieber in Sinfoniekonzerte. Das Chorwesen hat aber bei den lokalen Chören noch genügend Zuhörer, was verständlich ist, wegen der Verbundenheit mit dem heimischen Chor.
Das Slovenski oktet aber ist etwas Besonderes, es ist etwas, das außerhalb des üblichen Rahmens liegt.

Wie groß sind die Entwicklungsmöglichkeiten der gegenwärtigen Besetzung noch, und wo liegen die Grenzen dieser Entwicklung?

Auf diese Frage kann ich schwer antworten. Eine gewisse Möglichkeit gibt es noch, aber stimmlich werden sie nicht stärker, technisch erreicht man mit Übung alles. Sie können sich noch vervollkommnen. Diese Besetzung, so wie sie jetzt dasteht, hat aber noch mindestens fünfzehn Jahre ruhigen Lebens vor sich.

Was würden Sie zum Abschluss sagen, Dr. Cuderman, als derzeitiger künstlerischer Leiter?

Ich wünsche den Burschen, dass sie durchhalten, dass sie in ihrem Leben diszipliniert sind; als Sänger müssen sie auf vieles verzichten. Ich wünschte, sie wären sich dessen bewusst und würden auch so leben.

Jetzt sind sie das SLOVENSKI OKTET.

(Ljubljana, 6. Juli 2006)

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